Erster Weltkrieg: Opas Krieg

Erster Weltkrieg

Wir schreiben das Jahr 2014. Europa versinkt in einem Erinnerungstaumel. Überall Ausstellungen, Sonderveröffentlichungen, Zeitungsartikel zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Der „Großen Krieg“, wie ihn die Briten nennen, stand in der deutschen Erinnerungskultur bisher klar im Schatten des nationalen Traumas mit Namen Zweiter Weltkrieg.

Jetzt, für ein Menschenleben unendlich lange erscheinende 100 Jahre danach, zum „Jubiläum“, findet dieser Erste Weltkrieg also unsere Beachtung. Allerdings gibt es ein Problem: Die Lebenswelt der Menschen vor 100 Jahren ist uns fremd geworden. Und somit auch die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan). Der Zweite Weltkrieg scheint uns dagegen lebendig: An Hollywoodfilmen oder Fernsehdokumentationen zum Thema herrscht kein Mangel, ebenso wenig an Zeitzeugen. Auch wenn es weniger werden. Mit dem Ersten Weltkrieg sieht es da etwas anders aus. Anders als bei Weltkrieg Zwei fragen wir uns: Wie war das noch mal?

Hilfreich: Spätgebärende Vorfahren

Franz Mack, Erster Weltkrieg

Opa Franz, vermutlich als junger Rekrut vor seinem ersten Einsatz.

Doch ich habe „Glück“: Meine Eltern (Jahrgang 1948) waren relativ alt als sie mich (Jahrgang 1984) in die Welt setzten. Mein Opa väterlicherseits wiederum war noch älter, als er – lang davor – meinen Vater in ebendiese Welt setzte.

Das bedeutet: Mein Opa, Franz Mack, war dabei. Dabei im Schützengrabenkrieg des Ersten Weltkriegs an der Westfront. Mittendrin in der Scheiße, im Blut und den Gedärmen, dem Giftgas und den Schreien der Sterbenden, im Maschinengewehrhagel und im Artilleriedonner des Ersten Weltkrieges. Erzählt hat er davon vermutlich nie, wie es für die Kriegsgenerationen aus beiden Weltkriegen üblich war. Jedenfalls weiß ich darüber nichts.

Geboren 1894 in Nürnberg, 90 Jahre vor meiner eigenen Geburt, war Opa Franz ein junger Mann von 20 Jahren, als er in den Krieg ging. Gestorben ist er 1981, drei Jahre vor meiner Geburt. Opa Franz kenne ich also nur aus Erzählungen und von alten Fotos. Und von Feldpostkarten. Feldpostkarten, die er zwischen 1915 und 1917 aus Frankreich nach Hause geschickt hat.

Erster Weltkrieg, 90 Jahre danach oder: Tour de Franz

Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg

Eine Seite des (neuen) Albums mit Feldpostkarten von Opa Franz.

Lesen konnte ich diese Karten aber nie. Denn sie sind in Sütterlin geschrieben, womit ich mich bis heute äußerst schwer tue. Fasziniert haben mich die alten Karten, die Oma in einem ebenso alten und seltsam angenehm-modrig riechenden Album gesammelt hatte, schon immer. Die Schwarz-Weiß-Fotografien zerstörter Ortschaften mit brennenden Kirchturmrspritzen, die inszenierte Schützengrabenromantik, die etwa eine Gruppe Soldaten bei der Morgentoilette zeigt, oder die bunt gemalten Propaganda-Witzchen, wo beispielsweise ein deutscher Pickelhauben-Soldat als Sinnbild für den Zweifrontenkrieg an zwei Tischen gleichzeitig Skat gegen andere Nationen spielt – und selbstverständlich gewinnt.

Einen ersten, im Nachhinein betrachtet sehr gelungenen Versuch der Aufarbeitung von Opas Kriegsalbum, hat vor zehn Jahren mein Vater unternommen. Auch er brauchte wohl ein „rundes Jubiläum“ dafür und so machten meine Eltern, mein Bruder und ich uns 2004 auf nach Frankreich. An die Schauplätze der Feldpostkarten von Opa, zur „Tour de Franz“, wie es mein Vater nannte. Mein Vater war es auch, der die Reise anhand der Feldpost seines Vaters akribisch im stillen Kämmerlein ausgetüftelt hatte. Er hatte wohl auch angefangen, die ein oder andere Postkarte zu „übersetzen“. Allerdings ging es ihm wahrscheinlich eher um die Gefechts- und Aufenthaltsorte seines Vaters, als um die Schützengraben-Korrespondenz von Opa Franz an sich.

Ich weiß noch, dass diese Reise damals schon Eindruck bei mir hinterlassen hatte: Ich war – wie Opa Franz 90 Jahre zuvor – 20 Jahre alt, als ich an den Schauplätzen der Vergangenheit stand. Als ich in Waldstücken und Äckern immer noch die Wirkung der Artillerie in Form von tiefen Kratern sehen konnte, obwohl die Kanonen seit 90 Jahren verstummt waren. Obwohl nach zwei Weltkriegen die Narben der Vergangenheit in der Eurozone längst verheilt schienen und aus „Erbfeinden“ friedliche Nachbarn geworden waren.

Tour de Franz - Rückkehr an Schauplätze des Ersten Weltkrieges

Mein Bruder, ich und unzählige „Heldengräber“ im Jahr 2004 irgendwo in Frankreich.

2004, als 20-Jähriger, stand ich außerdem grade vor der Entscheidung Wehrdienst zu leisten oder zu verweigern. Kurz zuvor hatte ich erstmals Remarques „Im Westen nichts Neues“ gelesen. Man mag sich denken, wie meine Entscheidung in Bezug auf den Wehrdienst ausgefallen ist…

Die Unendlichkeit der so genannten „Heldengräber“, die wir auf der „Tour de Franz“ ebenso besuchten wie Festungen und Museen, machten Eindruck auf mich. So weit das Auge reichte weiße Grabkreuze mit Namen gefallener Soldaten. Franzosen und Deutsche. Alle in dem Alter in dem ich damals war. Alle in dem Alter, in dem Opa vor jetzt genau 100 Jahren war, als er in den Krieg zog.

Die vom Krieg unversehrte Familie Mack

Weitere zehn Jahre, den Tod des eigenen Vaters und ein weiteres „Jubiläum“ hat es seit der „Tour de Franz“ für mich gebraucht, bis ich mich erneut für Opas Postkarten interessiert habe. Vor gut einem Jahr fielen sie mir noch einmal in die Hand und ich stellte fest: Anders als in vielen anderen deutschen Familien, kehrten die Söhne der Macks allesamt von der Front zurück.

Für Opa Franz war der Krieg am 8. Mai 1917 vorbei, als er von einem oder mehreren Granatsplittern aus deutscher Artillerie in den Rücken getroffen wurde. Die nächsten 16 Monate musste er im Lazarett verbringen, wo er in zwei Operationen wieder zusammengeflickt werden musste. Dieser „Heimatschuss“, ironischer weise tatsächlich aus „heimischen“ Kanonen abgefeuert, brachte ihm zeitlebens eine Behinderung von 70 Prozent ein. Soweit ich weiß, muss einer der Granatsplitter seine Blase erwischt haben, weshalb er sein Leben lang Probleme beim „Wasser lassen“ hatte.

Alois Mack - Soldat im Ersten Welkrieg

Einer der Brüder: Alois Mack, ebenfalls im Krieg.

Opas Feldpost brachte aber auch Erkenntnisse über die Familienstruktur der Macks. Anders als bei meinen Verwandten mütterlicherseits, die einen sehr engen Kontakt untereinander pflegen, kann ich die verworrenen Wurzeln des Mackschen Familienstammbaums bislang noch nicht so recht entwirren.

Fest steht: Opa hatte zwei Brüder und weitere Verwandte, die ebenfalls im Krieg waren und nach dessen Ende allesamt heil von der Front zurück in ihre Heimat kehrten. Mit all diesen Verwandten, Eltern, Brüdern, Schwestern, Cousinen und auch Kameraden hat Opa Franz über die Kriegsjahre eine rege Postkarten-Korrespondenz unterhalten.

Familienkorrespondenz

Die erste aus dem Album erhaltene Postkarte aus Opas Album stammt von seiner Cousine Grete Eyrich. Sie schrieb ihm am 19. Oktober 1914 folgende Zeilen ins Rekrutendepot II in Fürth, wo Opa Franz im „Ersatzbatallion des 21. Infanterie-Regiments für seinen Fronteinsatz vorbereitet wurde:

Lieber Franz!

Besten Dank für Deine Karte. Habe mich sehr gefreut. Das Gedicht ist sehr nett. Sei so gut und lasse Dich bald in Uniform bewundern. Alois (Anmerkung: Einer von Franz Brüdern und vermutlich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eingezogen, CM) hat sich noch nicht blicken lassen. Hoffentlich schreibt er dafür einmal vom Felde. Mein Bräutigam ist am Samstag ausgerückt. Die letzte Nachricht habe ich von Düsseldorf, ich weiß nicht, kommt er nach Osten oder Westen.

Viele Grüße von meinen Eltern und mir.

Deine Kusine Gretchen. Auf Wiedersehen!

Postkarte an Franz Mack - Bevor er an die Front kam

Mit wehenden Fahnen: Die erste erhaltene Postkarte von Cousine Grete an den Rekruten Franz Mack.

Aus dieser Karte spricht die Sicht der Heimat, die im Krieg noch lange etwas heroisches gesehen hat. Wie ich annehme ist aber auch mein Opa – wie zu Kriegsbeginn üblich – mit Vorfreude und mit idealisierten Vorstellungen in die Schlacht gezogen. Liest man seine späteren Karten von der Front, so scheint diese Anfangseuphorie im Schützengrabenkrieg schnell verflogen zu sein, auch oder grade weil er gegen Ende seiner Soldatenzeit immer wortkarger wird.

Opa twittert aus dem Schützengraben

Als ich Opas Album und mit ihm die Karten erstmals seit der „Tour de Franz“ wieder vor mir hatte, kam mir eine Idee: Inspiriert vom Social Media-Geschichtsprojekt 3nov38, Heute vor 75 Jahren habe ich beschlossen, Opa von der Front  twittern zu lassen: Ab Februar 2015 wird Opa Franz wieder auferstehen und seine Feldpost noch einmal „tagesaktuell von vor 100 Jahren“ veröffentlichen. Und zwar für alle sichtbar im Internet.

Konkret heißt das: Ich werde über den bereits eingerichteten twitter-Account OpasKrieg die Feldpost von Franz Mack, aber auch die Postkarten an ihn und einige seiner Verwandten posten. Zusätzlich wird es weitere Informationen auf der eigens dafür eingerichteten Website www.opaskrieg.de geben. Auf beiden Seiten ist zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags noch nicht besonders viel passiert – spätestens zum Jahreswechsel geht es dann aber los. Denn die erste Karte aus Etain, Lothringen wird Opa Franz Eltern, Karl und Margarethe Mack, am 03. Februar 1915 erreichen.

Familienforschung

Bisher habe ich selber noch nicht alle Karten studiert und das umfassende Aktenmaterial, das meine Oma aus Opa Franz Leben aufbewahrt hat, bei weitem noch nicht durchforstet. Ein Gesamtbild über Opas Kriegskorrespondenz, über die innerfamiliären Beziehungen und über die uns heute so fremde Lebenswelt des Deutschen Kaiserreiches konnte ich mir also noch nicht erschließen. Eine erste Durchsicht einiger dieser Karten verspricht aber spannendes historisches Material und gegensätzliche Blickwinkel auf den Krieg von der in der sicheren Heimat verbliebenen Familie Mack und dem Frontkämpfer Franz Mack auf der anderen Seite.

Bahnbrechende Erkenntnisse für die Geschichtsschreibung des Ersten Weltkrieges sind nicht zu erwarten. Aber grade die Art und Weise wie Opa und die Familie in ihrem Alltag mit der Urgewalt des Krieges umzugehen versuchen, dürfte mehr als spannend werden.

Frankreich: brennende Kirche im Ersten Welkrieg und Kirche heute

Damals und „heute“: Erste Entdeckungstour zu den Kriegsschauplätzen von Opa Franz (2004).

Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle vorab als erstes meiner Oma Käthe Mack, die die Feldpost und weitere Dokumente meines Opas Franz stets liebevoll aufgehoben und bewahrt hat. Ebenso dankbar bin ich meinem Vater, der mit uns als Familie 2004 die erste Entdeckungstour an den Originalschauplätzen der verlorenen Jugend meines Opas in Frankreich gemacht hat. Ebenso großer Dank gebührt meiner Mutter, die die Feldpost ihres Schwiegervaters vorab in emsiger Kleinarbeit geordnet und zusammengetragen hat. Und zuletzt möchte ich mich herzlich bei meiner Oma Anneliese bedanken, die trotz ihrer fast 90-jährigen Augen einen tollen und unschätzbar wertvollen Job bei der „Übersetzung“ der Postkarten aus dem Sütterlin geleistet und dabei die 100 Jahre alten, teils verwaschenen und undeutlich gekrakelten Postkarten hinter einer Lupe verschanzt lesbar gemacht hat.

Die Früchte all dieser Arbeit will ich nun im Blog opaskrieg.de und bei twitter ernten und neu arrangieren. Ich tue dies als persönliche Aufarbeitung der Familiengeschichte. Ich tue dies aber auch, um die Lebenswelt des Zeitalters des Ersten Weltkrieges auch für meine Generation wieder zu öffnen. Um dem Schießen und Sterben vor unendlich lang erscheinenden 100 Jahren wieder ein Gesicht zu geben.

Ich habe zwar durch spätgebärende Vorfahren einen besonderen, persönlicheren Zugang zum Ersten Weltkrieg – aber es könnte auch euer Opa sein, der da an der Somme im Dreck lag und sich bei seinem sinnlos erscheinenden Kampf um ein paar hundert Meter granatenzerfurchter, stacheldrahtverhangener Mondlandschaft im Takt des Maschinengewehrfeuers über ein Stück Leberwurst aus der Heimat gefreut hat.

2 Comments

  1. Armin Lau says:

    Finde ich eine ganz tolle Sache. Ich habe leider nur noch ein paar wenige Photos von meinem Urgroßvater aus dem WK 1 gesehen, die sind dann auch leider im Laufe der Zeit von Vettern meiner Mutter „ausgeliehen“ worden und seitdem leider verschwunden.

    Gruß
    Armin

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    • Christian Mack says:

      Danke für den Kommentar und das Interesse!
      Schade wegen der Fotos…
      Ich komme aus einer Beamtenfamilie – da wird geflisstenlich archiviert und es komt nix weg 😉

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